"Für viele Menschen beginnt mit der Umstellung auf die
Sommerzeit eine sieben Monate lange Phase chronischen Schlafentzugs.
Wissenschaftler erklären, warum dagegen nur ein Mittel hilft: den Unfug
endlich abzuschaffen."
Von Peter Spork
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| Foto: peter-spork.de |
"Vor acht Jahren klopften 48 unbefangene junge Leute bei Hans Van
Dongen an. Menschen wie sie hatte der Chronobiologe von der University
of Pennsylvania, USA, gesucht. Denn sie hatten
ein durchschnittliches Schlafbedürfnis von siebeneinhalb Stunden, waren
gesund – und bereit, sich zwei Wochen lang in sein Schlaflabor zu
begeben. Ihr Beitrag zur Forschung räumt auf mit dem Mythos vom Schlaf
als überflüssigem Zeiträuber und bestätigt, dass er ein Quell von
Kreativität und Leistungsfähigkeit ist.
Im Labor durften die Probanden acht, sechs oder vier Stunden pro
Nacht schlafen. Am Tage mussten sie Tests absolvieren. Nur bei den
Ausgeschlafenen blieben die Ergebnisse im Laufe der zwei Wochen auf
hohem Niveau. Bei den anderen ließen sie kontinuierlich nach – und zwar
umso rascher, je weniger sie schliefen. Van Dongen diagnostizierte
„fortschreitende neurokognitive Dysfunktion im Aufmerksamkeitssystem und
Arbeitsgedächtnis“. Doch überraschenderweise wurden die Testpersonen
mit zu wenig Schlaf nach etwa vier Tagen nicht mehr müder. Gegen Ende
des Experiments klagten sie kaum noch über große Schläfrigkeit. Offenbar
macht Schlafmangel dumm – und man merkt es nicht einmal.
Damit passen Van Dongens Resultate hervorragend ins Bild der
modernen Schlafforschung. Neurobiologen sehen eine der wichtigsten
Aufgaben des Schlafs nämlich darin, dem Nervensystem zu helfen, tags
gewonnene Eindrücke zu verarbeiten. Kein Wunder, dass inzwischen selbst
Manager Schlafseminare buchen und Politiker sich immer seltener damit
brüsten, wie wenig Schlaf sie benötigen. Das hindert die
Entscheidungsträger jedoch nicht daran, stur und trotz zunehmender
Proteste an einem der größten Schlafräuber überhaupt festzuhalten: an
der Sommerzeit. Sie wird immerhin einem Viertel der Weltbevölkerung mehr
als die Hälfte des Jahres zugemutet. Dabei bringt sie die Menschen in
eine Situation, die mit Hans Van Dongens Experiment vergleichbar ist:
Ein Teil bekommt genug Schlaf. Die meisten schlafen jedoch allnächtlich
ein bisschen zu kurz – und das nicht zwei Wochen, sondern sieben Monate
lang. Jedes Jahr im Frühjahr stellen wir unsere Uhren um eine Stunde
vor. Angeblich, um Energie zu sparen – das aber wurde längst widerlegt.
Dafür wird unser Alltag in einen nach vorne verschobenen äußeren
Rhythmus gezwängt. Und das hat ernste Folgen. Die Erforscher der
biologischen Zeitmessung, die Chronobiologen, haben nämlich
herausgefunden, dass bei erschreckend vielen Menschen der Gang der
inneren Uhr nicht zur Sommerzeit passt. Bis diese Menschen die Uhren im
Herbst endlich zurückstellen dürfen, werden sie allabendlich zu spät
müde, weil es zuvor eine Stunde länger als gewöhnlich hell war. Der
Wecker reißt sie dennoch gnadenlos frühmorgens aus den Federn. Auf der
Strecke bleiben immer wieder einige Minuten Schlafenszeit.
Fast jedes Lebewesen hat eine biologische Zeitmessung. Die Evolution
hat diese inneren Uhren äußerst flexibel gestaltet. Sie ticken von
alleine vor sich hin, jedoch nur im ungefähren Tagesrhythmus. Beim
Menschen ist der innere Tag im Durchschnitt 24 Stunden und 20 Minuten
lang. Um sich auf den 24-Stunden-Tag einzustellen, sind die Bio-Uhren
auf Signale von außen,
sogenannte Zeitgeber, angewiesen. Die helfen ihnen, sich laufend neu
zu justieren. Erst dieses perfekt abgestimmte System erlaubt es den
Organismen, sich ohne dauerhaften „Jetlag“ an wechselnde Bedingungen
anzupassen. Die flexible Uhr ermöglichte es den frühen Menschen zum
Beispiel, über den Globus zu wandern und mit schwankenden Tageslängen
zurechtzukommen.
Wegen ihrer Flexibilität haben die inneren Uhren auch keine
Schwierigkeiten, sich unter normalen Bedingungen binnen ein oder zwei
Tagen um ein bis vier Stunden zu verstellen. Anders als die meisten
Menschen denken, liegt das wirkliche Problem der Sommerzeit nicht in der
Zeitumstellung. Die eine Stunde Unterschied sorgt allenfalls für einen
Mini-Jetlag. Der erklärt zwar, warum am Montag danach so viele Unfälle
passieren oder mehr Menschen als sonst zum Arzt gehen. Er kann aber
nicht verantwortlich dafür sein, dass sich viele den ganzen Sommer
hindurch schlapp, unkonzentriert und müde fühlen. Tatsächlich ist eine
andere Konsequenz der Zeitumstellung viel drastischer, weil sich unser
Körper an sie nicht gewöhnen kann. Unsere inneren Uhren erhalten während
der gesamten Sommerzeit – Tag für Tag und Nacht für Nacht – permanent
verkehrte Signale zur Nachjustierung. Das unterscheidet die Situation
grundsätzlich zum Beispiel von einer Reise nach Griechenland. Auch dabei
müssen wir die Uhren zwar eine Stunde vorstellen, die Sonne geht dort
aber auch ungefähr eine Stunde früher auf. Bei der Umstellung zur
Sommerzeit wandert hingegen nur die äußere, die soziale Uhr, die
Tageslichtsignale bleiben unverändert. Genau diese sind aber die
wichtigsten Zeitgeber für die inneren, die biologischen Rhythmen. Helles
Tageslicht erregt spezielle, erst vor wenigen Jahren entdeckte
Sinneszellen in der Netzhaut, Melanopsin-Zellen genannt. Sie sind direkt
verdrahtet mit den Dirigenten der inneren Uhren in den Organen und
Geweben, den Suprachiasmatischen Nuclei (SCN) im Gehirn.
Das Grundprinzip ist denkbar einfach: Abendliches Licht verlangsamt
das innere Tempo, es verhindert, dass wir früh müde werden.
Morgendliches Licht beschleunigt die Bio-Uhren, es sorgt dafür, dass der
innere Tag rascher zu Ende geht. Wird nun die Zeit eine Stunde
vorgestellt, ohne dass die Sonne folgt, verschiebt sich die Balance
zwischen innerer und äußerer Zeitmessung. Till Roenneberg, Chronobiologe
an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität, fand in einer Umfrage
bei 55 000 Menschen heraus, dass die inneren Rhythmen auch nach der
Umstellung auf die Sommerzeit vor allem den Sonnenuntergangszeiten
folgen, die natürlich gleich geblieben sind. Wir werden in Bezug zur
äußeren Zeit also eine Stunde später müde als sonst – und das nicht nur
am Tag nach der Zeitumstellung, sondern sämtliche sieben Monate, bis die
Uhren wieder zurückgestellt werden.
Für Menschen, die von ihren Vorfahren eher schnell gehende innere
Uhren geerbt haben, ist das kein Problem. Sie werden ohnehin früh müde
und sind morgens auch dann vor dem Weckerklingeln wach, wenn dieser im
Bezug zum biologischen Tag eine Stunde früher dran ist. Doch diese
sogenannten Lerchen sind mit einem Bevölkerungsanteil von etwa 15
Prozent deutlich in der Minderheit. Selbst die normalen Chronotypen, die
mit rund 65 Prozent die große Mehrheit der Bevölkerung ausmachen, kommen mit der Umstellung kaum
zurecht. Ganz zu schweigen von den „Eulen“ (etwa 20 Prozent) mit
tendenziell sehr langsam gehenden inneren Uhren. Sie alle leben im
„sozialen Jetlag“ wie Roenneberg es formuliert. Während der Arbeitswoche
werden sie abends nicht rechtzeitig müde und müssen morgens zu früh
aufstehen. Am Wochenende versuchen sie dann, so gut es geht, den
verloren gegangenen Schlaf aufzuholen. „Fast zwei Drittel der Menschen
leiden unter der Arbeitswoche an Schlafentzug“, sagt Roenneberg. Bei
einem Viertel betrage der allnächtliche Schlafmangel mehr als eine halbe
Stunde.
Dieses Problem, das wegen der hierzulande üblichen frühen Schul- und
Arbeitszeiten ohnehin besteht, verschärft die Sommerzeit drastisch.
Besonders stark trifft das jüngere Menschen, die biologisch bedingt
Morgenmuffel sind. Erst im Alter werden die meisten von uns zu
„Lerchen“. Und wer meint, das Tageslicht könne man doch einfach
austricksen und früher zu Bett gehen, sei auf eine weitere Auswertung
der Münchner Datenbank hingewiesen: Wenn sie nicht arbeiten müssen,
schlafen die Menschen im äußersten Osten Deutschlands im Durchschnitt 34
Minuten früher ein als im äußersten Westen, wo die Sonne 36 Minuten
später untergeht.
Über die Vorschläge einiger Politiker, die Sommerzeit ganzjährig
beizubehalten, braucht man angesichts dieser Resultate nicht zu
diskutieren. Sie zeugen von erschreckender Naivität. Im Gegenteil: Die
Sommerzeit muss endlich abgeschafft werden! Davon würde die große
Mehrheit der Menschen mit normalem und eulenhaftem Chronotyp klar
profitieren, ohne dass die Minderheit des frühen Chronotyps leiden
müsste. Diese Lerchen werden durch eine Beibehaltung der Normalzeit
allenfalls am Wochenende so früh müde, dass sie Abendveranstaltungen
weniger genießen können – ein vergleichsweise nachrangiges Problem. Die
Abschaffung der Sommerzeit würde die meisten Menschen gesünder, schlauer
und fitter machen – und nebenbei Geld sparen, weil die aufwendige
Umstellung öffentlicher Uhren, die Anpassung von Schicht-, Fahr- und
Dienstplänen und vieles mehr wegfallen würde. Warum übernehmen deutsche
Politiker also keine Vorreiterrolle? Sie sollten endlich die Argumente
aus der Wissenschaft ernst nehmen und andere EU-Länder mitreißen. Sonst
könnte ihnen jemand zuvorkommen: Der russische Präsident Dmitri Medwedew
hat im Herbst 2009 in einer Grundsatzrede angekündigt, sich mit der
Abschaffung der Sommerzeit auseinanderzusetzen.
erschienen in: bild der wissenschaft 4/2010, S. 32-34

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